18. November 2016
ROBERT HALVER IN DEN MEDIEN
Der wöchentliche Kapitalmarkt-Ausblick von Robert Halver - jetzt als Video-Kolumne auf maxblue.de.

Am Freitag, den 18. November, treffen Sie mich im Rahmen der World of Trading 2016 von 12:00 bis 12:30 Uhr auf der Hauptbühne zu einem Vortrag zum Thema "Die Alternativen des Zinsvermögens" sowie von 15:00 bis 15:45 am Stand der UBS zu einer Diskussion zum Thema "Das politischste Kapitalmarktjahr aller Zeiten - wie überleben die Anleger 2017?".

Auch am Samstag, den 19. November, treffen Sie mich auf der Hauptbühne von 14:00 bis 14:30 Uhr zu dem Vortrags-Thema "Die Alternativen des Zinsvermögens" sowie von 16:00 bis 17:00 im Rahmen der Podiumsdiskussion zum Thema "Die Situation an der Börse und ihre Chancen für Trader nach der Wahl in Amerika".

Weitere wichtige Informationen zur World of Trading sowie das Vortragsprogramm finden sie hier.
DER MARKT UNTER DER LUPE
Trump Jump der US-Konjunktur?
Fundamentale Unterstützung für die US-Branchen Industrie, Banken und Automobile
Ein starker US-Dollar - Gut für Europa, schlecht für die Schwellenländer
Noch wichtiger als Donald Trump für die Finanzmärkte ist aber Janet Yellen
GRAFIK DER WOCHE
Weltkonjunktureller Stabilisierungseffekt durch Rohstoffe
Marktlage und Anlegerstimmung - Droht der Anleihe-Crash?
Wie reagiert die EZB auf eine Inflationsbeschleunigung?
Charttechnik DAX und S&P 500 - Das Momentum ist positiv
Der Wochenausblick für die KW 47 - Wie fällt die Reaktion von ifo auf Trump aus?
HALVERS WOCHE
VOLKSWIRTSCHAFTLICHE PROGNOSEN AUF EINEN BLICK
KAPITALMARKT AUF EINEN BLICK
WEITERE NEWSLETTER DER BAADER BANK
DER MARKT UNTER DER LUPE
Welche Folgen hat der Trumpismus für die Finanzmärkte?
Auch einige Tage nach der Präsidentenwahl bleibt Donald Trump in vielerlei Hinsicht eine black box. Das Urteil an den Finanzmärkten fällt unterschiedlich aus: Während US-Aktien und Titel aus den westlichen Industrie-Staaten - trotz protektionistischer Töne - sowie Industriemetalle einen US-Wirtschaftsaufschwung einpreisen, werden in den Schwellenländern eher die Befürchtungen vor einem stark aufwertenden US-Dollar mit anschließender Kapitalflucht betont. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch die durch die amerikanische Konjunkturbelebung keimende Gefahr wiederkehrender Inflation, die nach Lehrbuchmeinung zu Leitzinserhöhungen und steigenden Anleiherenditen führen müsste. Damit wäre jedoch nicht nur die Liquiditätshausse am Aktienmarkt gefährdet, sondern auch das systemische Risiko eines Platzens der größten Anlageblase der Welt - die Anleiheblase - gegeben.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank


Trumponomics riechen ein bisschen nach Reagonomics

Trump Jump der US-Konjunktur?
Donald Trump will die US-Wirtschaft auf radikalen Wachstumskurs bringen. Mit umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen von einer Billion US-Dollar über zehn Jahre soll die Reindustrialisierung Amerikas durchgeführt werden. Dramatische Investitionsbeihilfen für Private sollen die nötigen Anreize für die Modernisierung von Brücken, Autobahnen, (Flug-)Häfen, Schulen und Krankenhäusern schaffen. Gemeinsam mit einer umfassenden Deregulierung des Energie- und Finanzsektors sowie großen Steuersenkungen - Senkung der Körperschaftssteuer von 35 auf 15 und Einkommensspitzensteuersatz von 39,6 auf 33 Prozent - sollen die USA als Wirtschaftsstandort weltweit an Attraktivität gewinnen. Damit sollen nicht zuletzt abgewanderte US-Firmen mit ihren im Ausland geparkten Gewinnen veranlasst werden, in die USA zurückzukehren. Tatsächlich sind Steuern ein markantes Investitionskriterium für Unternehmen. Der US-Aktienmarkt honoriert Trumps Konjunkturpläne mit deutlichen Kurssprüngen. Der Dow Jones als Index der großen Industriewerte reagierte sogar mit zwischenzeitlichen Rekordhöchstständen.










Fundamentale Unterstützung für die US-Branchen Industrie, Banken und Automobile
Auf Sektor-Ebene setzen Industrie-, Technologie-, aber vor allem Banktitel als Hauptprofiteure von Trumps Konjunktur- und Deregulierungsagenda ihre Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt fort. Aber auch Autowerte zeigen sich stabil. Ihnen kommen die zukünftig gelockerten Umweltstandards und Standortverbesserungen zugute.
Grafik: Performance der US-Branchen seit Juli 2016

Perfekt ist unmöglich, besser ist möglich


Entscheidend für ausländische Exportaktien ist es, inwiefern sie von dieser Wachstumsphantasie profitieren können. In den 80er Jahren unter US-Präsident Ronald Reagan war dies unzweifelhaft der Fall. Bei Trump stellt sich die Frage, welche Rolle der Protektionismus des Wahlkampfes in der tatsächlichen Politik noch spielen wird. Die Panik im Ausland scheint jedoch gewichen zu sein. U.a. vertraut man auf den Druck Chinas, das im Falle von US-Schutzzöllen bereits angekündigt hat, Importstopps auf US-Agrargüter zu verhängen und große Industrieaufträge nicht mehr an die USA, sondern an europäische Partner zu vergeben. Ohnehin, bei jeder Gelegenheit präsentiert sich Trump deutlich moderater, realpolitischer als noch im Wahlkampf.
Grafik: Wertentwicklung internationaler Aktienmärkte seit Juli 2016




Angst vor Kapitalflucht aus den Schwellenländern
Ein starker US-Dollar - Gut für Europa, schlecht für die Schwellenländer
Vor diesem Hintergrund zeigen die Industrieländer eine klare Outperformance gegenüber Schwellenländern. Offensichtlich überwiegt die Meinung, dass ein reindustrialisiertes Amerika am Industrie Know How aus Japan und Deutschland nicht vorbeikommt. Die Abschwächung von Euro sowie Yen kommt zur Exportunterstützung hinzu.

Ein umgekehrter Währungseffekt ergibt sich in den Schwellenländern. Dort schürt eine von der US-Wachstumsoffensive ausgehende „Trumpflation“ Ängste vor einer deutlich restriktiveren US-Notenbank. Das begünstigt wegen steigenden amerikanischen Zinsen und Renditen, gepaart mit einhergehenden Währungsgewinnen des Dollars die Rückführung von Kapital aus Schwellenländern in die USA.

Grafik: US-Dollar zu anderen Währungen seit Juli 2016
Lateinamerika freut sich nicht über Trump
Tatsächlich, nach markanten Kurszuwächsen bei Aktien der Schwellenländer seit Jahresbeginn nehmen Anleger vorsichtshalber Gewinne mit. Vor allem betroffen sind brasilianische und - wegen der von Trump befürchteten Restriktionen - mexikanische Aktien.















Höhere Inflationstoleranz bei der Fed?
Noch wichtiger als Donald Trump für die Finanzmärkte ist aber Janet Yellen
Was die neue Administration - die im Augenblick schon mit der Besetzung von Regierungsposten überfordert erscheint - wirtschaftspolitisch umsetzen will, ist grundsätzlich noch durch viel Unsicherheit geprägt. Die US-Notenbank wird diese potenziellen Konjunkturrisiken an den Finanzmärkten bis zu ihrer nächsten Sitzung am 14. Dezember zwar beobachten. Vom aktuellen Standpunkt aus betrachtet, preisen die Finanzmärkte laut Fed Fund Futures jedoch eine Leitzinserhöhung der Fed mit einer nahezu 100-prozentigen Wahrscheinlichkeit ein.

Von einer nachhaltig restriktiven Zinspolitik der Fed ist aber trotz steigender Inflationserwartungen - selbst innerhalb der Fed gibt es Stimmen, die eine höhere Inflationstoleranz über zwei Prozent fordern - nicht auszugehen.
Grafik: US-Inflationserwartungen und US-Leitzinsen












Trumps neue Freundin ist gezwungenermaßen Janet Yellen

Denn die mit einem intensiveren Zinserhöhungszyklus verbundene US-Dollar-Aufwertung würde nicht nur die US-Wirtschaft exportseitig bremsen. Auch die Schwellenländer würden beim Zinsdienst ihrer zu großen Teilen in US-Dollar denominierten Verschuldung und in ihrem Wachstum auch zulasten der US-Markennamen behindert. Diese zwei negativen Charakteristika haben sich bereits während der Asienkrise 1997/98 gezeigt. Daraus hat die Fed gelernt und ist sich ihrer globalen Verantwortung bewusst. Ohnehin ist es nicht vermessen, Frau Yellen eher Konjunkturstützung als Inflationsbekämpfung zu unterstellen.

Selbstverständlich sind sich auch die demnächst regierenden Republikaner bewusst, dass ihre staatliche Konjunkturoffensive nicht nur den amerikanischen Staatshaushalt sprengen wird, sondern ohne weitere Neuverschuldung völlig undenkbar ist. Zu ihrer renditegünstigen Finanzierung ist Trump zweifelsfrei auf die massive Unterstützung der Fed angewiesen. Vor diesem Hintergrund sind wohl auch die Wendehals-ähnlichen Verbalmanöver Trumps zu verstehen, der nach im Wahlkampf überkritischen Äußerungen an der Fed zuletzt immer wieder die gute Arbeit der Notenbank und ihrer Präsidentin lobte. Trump mag bislang keine politische Erfahrung haben. Seine verbale Flexibilität ist in jedem Fall schon präsidial.

Tatsächlich dürfte die US-Staatsverschuldung laut Internationalem Währungsfonds bis zum Ende der Legislaturperiode 2021 noch einmal um ca. 5 Bill. US-Dollar ansteigen. Stiegen die US-Staatsanleiherenditen vom jetzigen Stand aus betrachtet auch nur um einen Prozentpunkt, würde die jährliche Zinslast auf US-Staatsschulden bis 2021 um rund ein Drittel zunehmen.
GRAFIK DER WOCHE
US-Staatsverschuldung und jährliche Zinszahlungen (ab 2017 plus 1 %-Punkt auf aktuelle Rendite bis 2021 konstant)
Grafik: US-Staatsverschuldung und jährliche Zinszahlungen (ab 2017 plus 1 %-Punkt auf aktuelle Rendite bis 2021 konstant)


Führt Trump den Iran-Bann wieder ein?


Weltkonjunktureller Stabilisierungseffekt durch Rohstoffe
Sollte der neue US-Präsident den Atom-Deal mit dem Iran stoppen und das Handelsembargo wiederbeleben, fände die Rückkehr des Iran an den Rohölmarkt sein Ende. Dann müsste Saudi-Arabien seine hohen Förderquoten im Preiskampf mit dem Erzfeind Iran zur Verteidigung von Marktanteilen nicht mehr aufrechterhalten. Der Ölpreis würde tendenziell steigen.

Der preisliche Aufwärtsdruck ließe immer mehr US-Fracking-Unternehmen leichter ihre Gewinnschwelle erreichen. Diese Entwicklung käme nicht zuletzt der ohnehin von Trump geplanten Industrieoffensive im Mittleren Westen entgegen. Gleichzeitig behindert diese alternative Ölfördermethode dennoch überdeutliche Preisverteuerungen und ist insofern inflationsbegrenzend.

Die geplante US-Infrastrukturoffensive stabilisiert auch die Preise von Industriemetallen, z.B. beim zyklischsten Metall Kupfer. Mit einer so gestärkten Kaufkraft der Rohstoffländer ist auch eine weltkonjunkturelle Stabilisierung verbunden.
Grafik: Wertentwicklung Rohstoffe seit Juli 2016

Auch mit Trump glänzt Gold nicht wirklich weniger


Dagegen steht Gold aufgrund konjunktur- und inflationsbedingt gestiegener Renditen bei US-Staatsanleihen als zinslose Alternativanlage unter Preisdruck. Vor dem Hintergrund einer grundsätzlich an Bonität verlierenden Finanzwelt bleibt Gold jedoch unbeirrt ein wichtiger Bestandteil zur Vermögensabsicherung.
Grafik: 10J Rendite US-Staatsanleihen und Goldpreis























Es gibt keine größere Anlageblase als die Anleiheblase


Marktlage und Anlegerstimmung - Droht der Anleihe-Crash?
Aufgehellte US-Konjunkturperspektiven mit positiven Ausstrahleffekten auf die Weltwirtschaft, die Gefahr steigender Inflationserwartungen in den USA und der Eurozone sind gemäß geldpolitischem Lehrbuch hinreichende Bedingungen für Zinserhöhungen und Zurückführungen von Anleiheaufkäufen.

Tatsächlich sind Anzeichen einer Renditewende bei US-Staatsanleihen nach oben in Ansätzen bereits erkennbar. Da der US-Anleihemarkt historisch eine unbestrittene Leitfunktion hat, sind auch Renditesteigerungen in Deutschland zu beobachten.

Ginge die Umkehrentwicklung bei Renditen weiter, sähen sich die großen Kapitalsammelbecken veranlasst, vorbeugend ihre gewaltigen Anleihebestände zu verkaufen, was die Renditeerhöhungen beschleunigen würde.

Steht also ein Anleihe-Crash, ein Platzen der größten Anlageblase der Welt bevor, die sich seit Anfang der 80er Jahre aufgebaut hat? Im Extremfall droht dem bestehenden Finanzsystem aufgrund der globalen Überschuldung sogar der systemische Kollaps.
Grafik: Renditen 10-jähriger deutscher und US-Staatsanleihen

Die sozialpolitische Rolle der EZB


Vor diesem Hintergrund wird die Fed eine wirklich restriktive Zinspolitik nicht durchführen (können). Und auch an den europäischen Finanzmärkten ist die Geldpolitik the last man standing. Konjunkturell hat die EZB ohnehin noch keinen Durchbruch erreicht. Ein Anstieg der Staatsanleiherenditen wäre also im Vergleich zu den USA eine doppelte, eine real- und finanzwirtschaftliche Belastung. Dies zuzulassen wäre geradezu eine Einladung an Euro-feindliche Spekulanten, erneut wie 2011 und 2012 auf steigende Staatsanleiherenditen und damit auf eine Renaissance der nur mühsam eingedämmten Euro-Krise zu wetten. Übermäßige Renditeerhöhungen würden die Bedienung der aus dem Ruder gelaufenen Staatsverschuldung z.B. in Italien erschweren und über dann alternativlose Haushaltskürzungen auch zu großen sozialpolitischen Verwerfungen führen.
Grafik: Staatsverschuldung Italien und jährliche Zinszahlungen auf Staatsschulden




Apropos Sozialpolitik, da 2017 in möglicherweise vier bedeutenden Euro-Staaten Nationalwahlen stattfinden, wird die EZB den Renditeanstieg mit einer fortgesetzten Liquiditätsoffensive konsequent bekämpfen. Man kann durchaus von Wählerbeeinflussung sprechen.
Grafik: Geldversorgung EZB und Renditen 10-jähriger Staatsanleihen Eurozone


Inflationsbekämpfung schadet der Illusion stabiler Finanzmärkte


Wie reagiert die EZB auf eine Inflationsbeschleunigung?
Unter normalen Umständen müsste die EZB aufgrund ihres von der deutschen Bundesbank geerbten Regelwerks Inflation auch vorbeugend bekämpfen. Normalerweise! Mit Blick auf die europäischen Verschuldungs- und Konjunkturnöte kann sie diesem Anspruch nicht konsequent gerecht werden. Im Bedarfsfall könnte sie eine leichte Zinserhöhung zur Anscheinerweckung von Glaubwürdigkeit durchführen und diese durch Ausweitungen von Anleihekaufprogrammen konjunkturell heilen. Außerdem bestünde die Möglichkeit, eine Ausweitung des Inflationsziels von zwei Prozent auf z.B. vier Prozent vorzunehmen. Dafür würde sie zwar in der Fachpresse massiv kritisiert werden. Doch der Unterstützung der Finanzminister der Eurozone darf sie sich gewiss sein. Inflationsbekämpfung schadet der Illusion stabiler Finanzmärkte. Also wird nicht gekämpft.
Grafik: Geldversorgung EZB und Inflationsrate Eurozone


Charttechnik DAX und S&P 500 - Das Momentum ist positiv
Charttechnisch liegt beim DAX der erste Widerstand bei 10.710 Punkten, gefolgt von einer markanten Barriere bei 10.802. Wird diese nachhaltig durchbrochen, treten weitere Widerstände bei 11.055, 11.187 und schließlich bei 11.431 Punkten in den Vordergrund. Kommt es beim DAX zu einer Gegenreaktion, liegt eine wichtige Unterstützung bei 10.535. Wird diese durchbrochen, treten weitere Haltelinien bei 10.492, 10.383 sowie darunter bei 10.250 Punkten in den Vordergrund.

Im S&P 500 wartet auf dem Weg nach oben der erste Widerstand bei 2.185 Punkten. Nach Überwindung dieser Hürde wartet knapp darüber eine weitere Barrieren bei 2.194. Auf der Unterseite liegen die ersten Unterstützungen bei 2.135 und 2.083 Punkten sowie knapp darunter bei 2.079. Werden diese unterschritten, liegt die nächste Haltelinie bei 1.972 Punkten.




Der Wochenausblick für die KW 47 - Wie fällt die Reaktion von ifo auf Trump aus?
In den USA werden die Anleger das Protokoll der letzten US-Notenbanksitzung genau auf Hinweise zu Zinserhöhungen prüfen.

In der Eurozone bleibt abzuwarten, inwieweit sich in den Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe der Wahlsieg von Donald Trump widerspiegelt. Insbesondere in Deutschland ist man gespannt, ob die ifo Geschäftsklimadaten das bislang positive Konjunkturklima am deutschen Aktienmarkt bestätigen und welche Bedeutung der Trump-Sieg hat.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank
HALVERS WOCHE
Das wahre politische Kapitalmarktrisiko ist nicht Trumpismus, sondern Eurosklerose!
Es gibt keine politische Schulpflicht, um US-Präsident zu werden. So musste auch Donald Trump keine höhere Bildung vorweisen, die ihn als Polit-Profi ausweist. Eigentlich hat er in dieser Disziplin noch nicht einmal Pudding-Abitur. Ist aufgrund seines unvoreingenommenen Halbwissens also ein pragmatischer Regierungsstil der Marke „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern im Wahlkampf“ zu erwarten?

Flexibilität und plötzliche Überraschungsmomente werden wohl nicht zu kurz kommen. Der politische Kompass spielt verrückt. Und dennoch werden Donald und seine coole republikanische Gang ihre Duftmarken wie Rüden an den großen (geo-)politischen Bäumen hinterlassen.



Eher fahren Merkel und Trump gemeinsam in Urlaub!




















Amerika wird sich weniger politisch korrekt, dafür mehr politisch direkt zeigen
Europas Versicherungsprämie für den amerikanischen Vollkaskoschutz wird deutlich teurer
Amerika wird sich unter Trump nicht ins geostrategische Mäuseloch zurückziehen. Das werden die republikanischen hard liner, die ohnehin den weltpolitischen Machtzuwachs Chinas kritisch sehen, zu verhindern wissen. Amerika bleibt schon aus egoistischen Motiven die Weltmacht Nr. 1. Denn seit dem Ende des II. Weltkriegs folgte auf den militärischen Siegeszug auch der geostrategische, kulturelle und wirtschaftliche Erfolg der Marke „Made in USA“. Kann man sich weltweit ein Leben ohne US-Militär, ohne amerikanische Filme, Serien, Musik, ohne Coca-Cola, McDonald’s, Nike, Pampers oder Mars-Riegel überhaupt noch vorstellen? Und auf diesen Einfluss soll die neue US-Regierung verzichten? Eher wird ein Mexikaner neuer Stabschef von Trump! Eher fahren Merkel und Trump gemeinsam in Urlaub!

Allerdings wird man die Rest-Welt für diesen american way of life deutlich mehr bezahlen lassen. Die US-Funktion als Freund und Beschützer der freien Welt unter dem Mantel der Nato sieht Trump weniger emotional, dafür mehr rational, geschäftsmäßig, so wie er als Baulöwe nun einmal ist. Die Versicherungsprämien für den Trump-Schutz werden ab 2017 mindestens so massiv ansteigen wie die von privat Krankenversicherten. Auch deswegen wird 2017 die deutsche schwarze Null zu Grabe getragen.

Ohnehin hat die Atlantik-Region für die USA viel geringere geostrategische Bedeutung als der pazifische Raum. Aber bereits unter Obama hat sich die einst heiße „Liebe“ zu Europa abgekühlt wie bei manchem alten Ehepaar. Das US-Geld für Europa sitzt längst nicht mehr so locker wie früher zu Zeiten des Kalten Kriegs, als Deutschland noch wichtiger Frontstaat war. Insgesamt wird sich Amerika weniger politisch korrekt, dafür mehr politisch direkt zeigen.



















„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ sprach der Wendehals
Geopolitisch zeigt sich mit Trump immerhin ein Hoffnungsschimmer
In puncto Beziehung zu Russland ist Trump ideologiebefreit. Die harte Haltung unter Obama wird aufweichen. Ich persönlich kann keinen Nachteil darin entdecken, wenn die USA mit Väterchen Frost wieder ins Gespräch kommen. Wenn man geostrategische Konflikte - gerade im Nahen Osten und speziell Syrien - eingrenzen will, kommt man an Gesprächen mit dem nicht lupenreinen Demokraten Putin nicht vorbei. Sollten die zwei Alpha-Tiere erfolgreich an der Beziehungskrise ihrer beiden Länder arbeiten, profitieren nicht zuletzt auch Europa und Deutschland. Die Flüchtlingskrise verlöre schon an Brisanz, weil man zu ihrer Lösung nicht mehr unterwürfig auf EU-fremde Länder angewiesen ist, die zur Verfolgung ihrer rechtsunstaatlichen Ziele auch vor Erpressungen nicht zurückschrecken. Und sollten sogar Sanktionen gegen Russland und Gegensanktionen von Russland zurückgeführt werden, wird sich keine Industrie mehr freuen als die deutsche.

Spätestens dann wird sich so mancher Politiker in Europa schnell einer geläuterten Rhetorik über Trump befleißigen. Titulierungen wie Schreihals, Horrorclown oder Hassprediger werden nicht mehr vorkommen. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ sprach der Wendehals.













Je mehr sich Deutschland fügt, desto mehr hält Donald die Tür des Freihandels offen















Wer als Auto-Manager in den USA ohne Abgas-Sünde ist, werfe den ersten Stein
Freihandel kein Freifahrtschein mehr für Deutschland
Mittlerweile ist auch Amerika froh über seine Exporte. Doch sind die USA dank einer großen, konsumfreudigen Bevölkerung und verschuldungstrunkenen Finanzpolitik darauf nicht annähernd so angewiesen wie z.B. Deutschland. Unsere volkswirtschaftliche Nahrungskette hat oft genug mit Außenhandel ihren Anfang genommen und beim Konsum geendet. Wenn die USA wollten, könnten sie uns mit Handelsprotektionismus tatsächlich so richtig wehtun. Donald Trump wird sich hier zwar nicht als Sadist per se aufführen, aber wiederum als knallharter Geschäftsmann: Keine Leistung ohne Gegenleistung.

Ab seiner Amtseinführung am 20. Januar 2017 wird ein kälterer handelspolitischer Wind wehen. Europa und speziell Deutschland werden mehr für die Weltkonjunktur tun müssen. Das, was uns der IWF seit Jahren durch die Blume sagt, wird uns die neue US-Administration eher mit dem Hammer nahe bringen: Investiert mehr, lasst deutlich mehr Schulden und weniger germanische Stabilität zu. Und für Griechenland wird man etwas fordern, was bislang für Frau Merkel und Herrn Schäuble Teufelszeug war: Einen großzügigen Schuldenschnitt. Für Trump muss alles aus dem Weg geräumt werden, was dem Wachstum schadet, auch Schulden. Schulden und ihre Streichung sind für ihn nichts Anrüchiges. Sie sind nur Mittel zum Zweck. So hat er es auch in seinem Immobilienimperium gemacht. Seine Botschaft: Von mir lernen, heißt siegen lernen.

Und natürlich weiß auch die neue Trump-Administration um die strategische Bedeutung Griechenlands. Washington will keine Destabilisierung an der Südostflanke der Nato. Zusammengefasst heißt das: Je mehr sich Deutschland fügt, desto mehr hält Donald die Tür des Freihandels offen.

Auch Nebenkriegsschauplätze sollten als amerikanische Drohkulisse nicht ignoriert werden. Deutsche Banken und Autokonzerne haben das schon zu spüren bekommen. Dass hierbei mit zweierlei Maß gemessen wird, ist unverkennbar. Denn wer als Auto-Manager in den USA ohne Abgas-Sünde ist, werfe den ersten Stein. Doch daran stört man sich in Amerika nicht.



Hält der europäische Hühnerstall gegen den Fuchs Trump zusammen?
Die Hoffnung Europas, dass Mutti Hillary die geostrategische Happy Hour aufrechterhält, ist dahin. Auf die Herausforderungen des Trumpismus muss Europa starke gemeinschaftliche Antworten finden. Die EU als größter Wirtschaftsraum der Welt muss sich ja nicht alles gefallen lassen.

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Europa hält nicht zusammen. Zunächst muss die EU ab 2017 zunehmend ohne die Großen Briten auskommen. Trump hat immer große Sympathien für die „Befreiung“ Großbritanniens aus dem EU-Gefängnis gezeigt. Damit wird sich die britische Regierung unter Theresa May bestärkt fühlen, eine knallharte Scheidung von der EU anzustreben.

Durch diesen Hard Brexit scheidet Großbritannien - Atommacht, geostrategisch kampferprobt als ehemalige Kolonialmacht und als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat - als Kämpfer für gemeinsame europäische Ideale und vor allem als Gegengewicht zu Amerikas Machtdominanz aus.



Großbritannien wird vom Partner der EU immer mehr zum ihrem (wirtschafts-)politischen Konkurrenten
Großbritannien als amerikanischer Dorn im Fleisch der EU
Die Briten könnten sogar die politischen Seiten wechseln. May und Trump könnten ein ebenso harmonisches Polit-Duo werden wie früher Thatcher und Reagan. Auch ein umfangreiches Handelsabkommen unter diesen Freunden ist möglich. Zukünftig werden die Ähnlichkeiten beider Länder - die bereits zwischen Donald Trump und dem britischen Außenminister Boris Johnson unverkennbar sind - deutlich herausgestellt. Für Europa heißt das, Großbritannien wird vom Partner immer mehr zum (wirtschafts-)politischen Konkurrenten.

Dagegen taugen Merkel und Trump als Besetzung für eine Liebesschnulze von Rosamunde Pilcher wohl kaum. Die Mutter Europas wird es schwerer haben, sich transatlantisches Gehör zu verschaffen.

Mit einer neuen strategischen Achse Washington-London wird Rest-Europa geopolitisch sicher nicht stärker. Überhaupt, selbst mit den Briten ist Europa den Beweis für europäischen Zusammenhalt oft genug schuldig geblieben. Oder will man bei der gemeinsamen Stabilitätspolitik oder bei der Sicherung der Außengrenze von Erfolgen sprechen?



Für die 2017 anstehenden Wahlen in Europa gilt „Nichts ist unmöglich“






























2017 gehen die größten Börsenrisiken nicht von Trump aus, sondern von Europa
Wird die europäische Idee im Wahljahr 2017 überhaupt eine Chance haben?
Aber auch 2017 wird Europa geschwächt sein wie Seemann Popeye ohne Spinat. Nach dem unerwarteten Wahlsieg Trumps gilt auch für die anstehenden Wahlen in Europa „Nichts ist unmöglich“, eben auch nicht die Abrechnung mit dem Europa-freundlichen Establishment. Auf beruhigende demoskopische Umfragen kann man scheinbar nicht mehr unbeirrt vertrauen. Fatalerweise gibt es nächstes Jahr gleich drei Nationalwahlen in der Eurozone: Deutschland, Niederlande, Frankreich. Vor allem in den zwei letztgenannten Ländern geben viele Wähler Europa die Schuld an nationalen Fehlentwicklungen.

Und politisch könnte es noch dicker kommen: Die Abstimmung über eine neue italienische Verfassung am 4. Dezember könnte für Ministerpräsident Renzi zum Spießrutenlauf werden. Spätestens seit Trumps Wahlsieg haben Italiens Populisten das Referendum als Denkzettelwahl gegen Europa und die Polit-Elite in Italien auserkoren. Verliert Renzi die Abstimmung - die Gegner der Verfassungsänderung liegen stabil in Führung - wird es 2017 auch in Italien Neuwahlen geben.

Mit Rücksicht auf viele Euro-skeptische Wähler ist dann im nächsten Jahr von Europa nicht viel für Europa zu erwarten. Da nutzen auch die vielen Stuhlkreise in Brüssel mit hartnäckigem, wenn nicht sogar arrogantem moralischem Überlegenheitsgefühl wenig. Parolen wie „Europa muss Supermacht sein, weil man zukünftig auf Amerika weniger zählen kann“ hört man zurzeit oft. Doch wo ist der Nährwert, wenn sich dahinter nur politisch heiße Luft verbirgt, wenn politische und wirtschaftliche Reformen ausbleiben?

Ein sich wie ein Grippevirus verbreitender Populismus ist damit nicht zu bekämpfen. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ schrieb einst der große französische Schriftsteller Victor Hugo. Dieses von ihm damals positiv gemeinte Zitat bereitet mir heute Sorgen.

2017 wird das politischste Kapitalmarktjahr aller Zeiten werden. Aber die größten Börsenrisiken gehen dabei nicht von Trump aus, sondern von Europa. Ob Europa endlich verstanden hat?


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Herausgeber:
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www.baaderbank.de

Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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