18. März 2016
ROBERT HALVER IN DEN MEDIEN
Der wöchentliche Kapitalmarkt-Ausblick von Robert Halver - jetzt als Video-Kolumne auf maxblue.de.

Einen aktuellen Marktkommentar mit dem Titel Robert Halver: „Börsenfusion wird zu 75% klappen, wenn…“ können Sie auf der Website von wirtschaft tv abrufen.
DER MARKT UNTER DER LUPE
Der Blick der Fed geht weit über den nationalen Tellerrand hinaus
Die Bank of Japan hat sich für eine andere konjunkturelle Stoßrichtung entschieden
Die EZB glaubt an das Wirtschaftswunder
GRAFIK DER WOCHE
Helikopter-Geld oder was ist Wahnsinn?
Aktuelle Marktlage und Anlegerstimmung - Die Elemente der Risikoentspannung nehmen zu
Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50 - Es geht weiter bergauf
Der Wochenausblick für die KW 12 - Konjunkturstimmungstest in Deutschland
HALVERS WOCHE
VOLKSWIRTSCHAFTLICHE PROGNOSEN AUF EINEN BLICK
KAPITALMARKT AUF EINEN BLICK
WEITERE NEWSLETTER DER BAADER BANK
DER MARKT UNTER DER LUPE
Was hat die EZB mit dem Raumschiff Enterprise gemeinsam?
Die Fed lässt ihre Leitzinsen erneut unangetastet. Mit gesenkten Zinsprojektionen für 2016 (0,875 nach zuvor 1,375), für 2017 (1,875 nach zuvor 2,375) und 2018 (3,0 nach 3,25 Prozent) untermauert sie ihren zinspolitischen Rückzug. Ihrer Leitzinserhöhungs-Askese verleiht sie mit gesenkten US-Wachstumsprojektionen für 2016 (2,2 nach zuvor 2,4) und für 2017 (2,1 nach zuvor 2,2 Prozent) zusätzlichen Nachdruck. Und schließlich ist die Lage an dem von der Fed vielbeachteten US-Arbeitsmarkt weniger robust, als die Statistik neu geschaffener Jobs alleine suggeriert. So deutet der von der US-Notenbank veröffentlichte, auf 19 Subindikatoren basierende US-Labor Market Conditions Index seit Jahresbeginn auf eine Verschlechterung der Arbeitsmarktbedingungen hin.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank
Grafik: US-Notenbankzins und Labor Market Conditions Index

Das Ende der US-Leitzinswende ist eingeleitet
Zudem verweist Fed-Chefin Yellen darauf, dass die seit Oktober 2015 im Trend ansteigende Inflationsrate „nicht zu optimistisch interpretiert werden dürfe“. Mit der Senkung ihrer Inflationsprognosen für 2016 auf 1,2 nach zuvor 1,6 Prozent setzt die Fed ein klares Signal, dass die USA kein Inflationsproblem hat, auch nicht auf der Erwartungsebene. Vor diesem Hintergrund ist ein Ende der Zinswende eingeleitet, auch wenn Frau Yellen dies aus Glaubwürdigkeitsgründen noch nicht aussprechen kann.
Grafik: US-Notenbankzins und Inflationserwartungen



Fed-Patronin voller Güte, die Schwellenländer alle Zeit behüte
Der Blick der Fed geht weit über den nationalen Tellerrand hinaus
Eine eigenständige Geld- und Zinspolitik der Fed aufgrund der finanz- und realwirtschaftlichen Globalisierung ist der US-Notenbank ohnehin längst nicht mehr möglich. Ihr ist das Risiko sehr bewusst, dass Leitzinsanhebungen Kapitalströme aus den Schwellenländern in die USA in Gang setzen. An Attraktivität gewinnende US-Zinsanlagen bei gleichzeitigen Währungsgewinnen konkurrieren mit unsicheren Investitionsbedingungen in China und Lateinamerika. Käme es dort zu Investitionsausfällen, hätte die Fed nicht zuletzt auch der Weltwirtschaft einen schlechten Dienst erwiesen. Dieser Verantwortung ist sich Frau Yellen sehr bewusst. Sie ist die Schutzheilige der Schwellenländer. Denn angesichts ihrer hohen US-Dollar-Verschuldung kommt ihnen die Dollar-Abschwächung - über die Leitzinsentspannung - bzw. ihre Währungsaufwertung sehr zugute. Die Staatshaushalte werden so auf der Kostenseite entlastet.
Grafik: Entwicklung von Schwellenländerwährungen gegenüber dem US-Dollar


Die zurückhaltende Zinsrhetorik der Fed verfehlt ihre Wirkung auch nicht bei Rohstoffen. Die Umkehrung der Dollar-Aufwertung hat zur Erholung der Rohstoffpreise beigetragen, die sich aus Gründen der Absicherung grundsätzlich entgegengesetzt zum US-Dollar entwickeln. So können sich die Staatshaushalte der Rohstoffländer auf der Einnahmenseite entspannen.
Grafik: US-Dollar und Rohstoffpreise





Die Deflationierung hat Japan wieder fest im Griff

Die Bank of Japan hat sich für eine andere konjunkturelle Stoßrichtung entschieden
Die bisherige geldpolitische Expansion Japans hat nicht zum gewünschten Erfolg einer Währungsabwertung des Yen und damit einer exportseitigen Stimulierung der japanischen Volkswirtschaft geführt. Im Gegenteil, abgesehen davon, dass der japanische Yen als sicherer Hafen in Asien gilt, hat er seit Sommer 2015 trotz dramatischer Schwächungsversuche deutlich aufgewertet. Eine damit einhergehende Verbilligung der Importpreise hat zu einem dramatischen Verfall der Inflation beigetragen.
Grafik: Japanischer Yen, handelsgewichtete und Verbraucherpreisinflation



De facto ist die Bank of Japan ihrem Ziel der Deflationsbekämpfung seit Beginn ihrer Liquiditätsoffensive Anfang 2013 kein Stück näher gekommen. Denn auch die Inflationserwartungen haben deutlich nachgegeben.
Grafik: Bilanzsumme der Bank of Japan und 5-jährige Inflationserwartungen Japan in 5 Jahren

Japans Notenbank finanziert Japans Staat
Grundsätzlich hat man in Japan verstanden, dass der globale Währungsabwertungswettlauf ein Nullsummenspiel ist, bei dem keine Notenbank nachhaltig seine Währung abschwächen kann. Japan beschreitet einen anderen Weg der konjunkturellen Stützung: Die binnenwirtschaftliche Karte wird gezogen. Dabei liegt der Fokus auf staatlichen Infrastrukturmaßnahmen und einer Dynamisierung der unter Überalterung leidenden japanischen Binnennachfrage. Hiermit will man auch privatwirtschaftliche Investitionen anstoßen, um insgesamt der Deflation zu entkommen. Auch bei dieser Strategie bleibt die Geldpolitik von allergrößter Bedeutung. Sie ist seit 2013 der alleinige Finanzierer der japanischen Neuverschuldung.
Grafik: Japan - Jährliche Neuverschuldung und Liquiditätszuführung der Bank of Japan



Die Zinslosigkeit schreitet fort

Die EZB glaubt an das Wirtschaftswunder
Neben ihrer extrem großzügigen Liquiditätsausweitung und Senkung des Einlagenzinssatzes auf minus 0,4 Prozent kauft sie nun auch Nicht-Banken-Unternehmensanleihen von mindestens Investment Grade-Bonität auf. Nach Senkung der Renditen von Staatsanleihen will man nun auch die Finanzierung von Papieren des Unternehmenssektors erleichtern. Seit Mitte 2015 hatten nämlich die Russland-Sanktionen, die Nachfrageschwäche der Rohstoffländer und die Ängste vor einem hard landing Chinas zu steigenden Risikoaufschlägen 10-jähriger Unternehmensanleihen (BBB) zu deutschen Staatsanleihen gleicher Laufzeit geführt.
GRAFIK DER WOCHE
Bilanzsumme der EZB und Renditeaufschlag 10-jähriger Unternehmensanleihen zu deutschen Staatsanleihen
Grafik: Bilanzsumme der EZB und Renditeaufschlag 10-jähriger Unternehmensanleihen zu deutschen Staatsanleihen

Das Nachfrageproblem klebt hartnäckig wie Kaugummi am Schuh

Doch auch diese geldpolitische Angebotsverbesserung wird nicht die nachfrageseitige Trendwende der Konjunktur in der Eurozone bewirken. Die Reformwüste in der Eurozone, die Bilanzbereinigung der Banken - sie sitzen immer noch auf vielen faulen Krediten - und große Verunsicherungen auf der Konsumenten- und Unternehmerseite stehen dem entgegen.











Helikopter-Geld ist im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinn
Helikopter-Geld oder was ist Wahnsinn?
Laut Albert Einstein ist die Definition von Wahnsinn, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Auf die EZB bezogen heißt das, immer wieder die Geldpolitik zu missbrauchen, um auf ein anderes Ergebnis - die Konjunkturstimulierung - zu hoffen. Mario Draghi will den Aufschwung mit seiner Geldpolitik erzwingen. Auf der letzten EZB-Sitzung gestand er sogar ein, dass man das Konzept von „Helicopter-Geld“ zumindest „beobachten müsse“. Dabei würde die Notenbank de facto Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft direkt an Haushalte ohne jegliche Gegenleistung verschenken.

Die allgemein diskutierten Vorschläge reichen von einem Geldtransfer an Euro-Staaten, die das Geld in Form von Steuererleichterungen oder Schenkungen dann an ihre Bürger weitergeben - in der Finanzkrise 2008 erhielten US-Amerikaner solche Steuergutschriften von insgesamt 150 Mrd. US-Dollar - bis zu einem direkten Geldtransfer der EZB an die Euro-Bürger, in der Hoffnung den Konsum und schließlich die Wirtschaft anzukurbeln. Abgesehen von zahlungstechnischen Hindernissen ist es absurd, an die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu glauben. Das unübersehbare Scheitern der bisherigen Geldpolitik wäre damit dokumentiert. Wenn selbst Notenbanken kapitulieren, ist steigendes Misstrauen und Verunsicherung in unserem Finanzsystem nicht mehr zu verhindern. Im besten Fall führten die geldpolitischen Wohltaten - die man ja ausgeben müsste, damit sie nicht verfallen - nur zu einem konjunkturellen Einmal-Effekt, einem Strohfeuer. Eine nachhaltige Wirkung wäre nur dann zu erwarten, wenn sich die allgemeine Konsum- und Investitionsstimmung bessern würde. Davon ist nicht auszugehen. Dann würden die Wirtschaftsteilnehmer aber erwarten, dass der nächste Geldscheck verabreicht würde. Zum Schluss befänden wir uns in einer Daueralimentierung, die jeder persönlichen Anstrengung entgegenwirkt und damit das Leistungsprinzip ausschaltet. Diese Idee ist im wahrsten Sinne des Wortes Wahnsinn. Was haben die EZB und das Raumschiff Enterprise gemeinsam? Beide erreichen Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Eine sinnvolle Alternative wäre es dagegen, wenn die Euro-Staaten die zu negativen Renditen mögliche Staatsneuverschuldung zur infrastrukturellen Standortverbesserung nutzten.






Der China-Böller knallt nicht mehr
Aktuelle Marktlage und Anlegerstimmung - Die Elemente der Risikoentspannung nehmen zu
Die für Rohstoffländer negative Kausalkette „Steigende US-Leitzinsen = starker Dollar = schwache Rohstoffpreise = sinkende Kaufkraft“ hat eine Trendwende vollzogen. Die globalen Konjunkturängste geben nach. Von mehr Kaufkraft in den Opec-Ländern profitieren insbesondere exportsensitive deutsche Unternehmen.

Auch die chinesische Verunsicherung an den Finanzmärkten lässt nach. Die geldpolitische Stützung des Aktienmarktes hat Befürchtungen vor einem unkontrollierten Einbruch der Konjunktur nach dem Motto „Wo Rauch ist, ist auch Feuer“ eingedämmt. Auch die Kreditausfallprämien haben deutlich nachgegeben.
Grafik: Kreditausfallprämien China und Shanghai Composite-Aktienindex

















Die Dividenden haben den Zinsen den Rang abgelaufen
Nach dem verbalen Rückzug der Fed hat der Euro aufgewertet. Im Kopfkino der Anleger wird damit sofort eine Schwächung der Außenhandelsposition Deutschlands in Verbindung gebracht. Doch das realwirtschaftliche Handicap ist geringer als gedacht. Deutsche Unternehmen konnten in der Vergangenheit selbst bei weit höheren Euro-Notierungen gute Umsatz- und Gewinnausweise zeigen.

Ein besonderes Pro-Argument für deutsche Aktien ist die anstehende Dividendensaison. Insgesamt haben 80 Prozent aller im deutschen Leitindex gelisteten Unternehmen ihre Ausschüttungssummen erhöht. Insgesamt wird die höchste Dividendensumme der DAX-Konzerne aller Zeiten ausgeschüttet, die erfreulicherweise nicht aus der Unternehmenssubstanz, sondern aus erwirtschafteten Gewinnen gezahlt wird. Nicht zuletzt bieten dividendenstarke Aktien ein ordentliches Risikopolster gegen Kursschwankungen.

Der DAX stellt mit einer Dividendenrendite von aktuell 3,3 Prozent alternative Zinsanlagen weit in den Schatten. Bei deutschen Einzelaktien lassen sich Dividendenrenditen über fünf Prozent erzielen.
Grafik: Dividenden der DAX-Unternehmen



Vor diesem Hintergrund wächst insgesamt der Risikoappetit der Anleger am deutschen Aktienmarkt. Unterstrichen wird diese Einschätzung durch konjunktur- und exportsensitive Aktien, die bereits wieder an relativer Stärke gegenüber Defensivtiteln gewinnen. Die zwischenzeitlich eingetrübten ifo Geschäftserwartungen werden offensichtlich als nicht nachhaltig angesehen.
Grafik: ifo Geschäftserwartungen und relative Entwicklung konjunktursensitiver gegenüber defensiven Aktien



Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50 - Es geht weiter bergauf
Charttechnisch liegen im DAX die ersten Widerstände auf dem Weg nach oben in der Zone zwischen 9.905 und 9.925, bei rund 10.000 und bei 10.123 Punkten. Darüber liegen weitere Barrieren bei 10.416, 10.485 und am mittelfristigen Abwärtstrend bei zurzeit 10.494 Punkten. Auf der Unterseite verlaufen dagegen Unterstützungen bei rund 9.700 und 9.620 Punkten. Darunter bietet die wichtige Marke bei 9.498 Halt.

Im Euro Stoxx 50 liegt auf der Oberseite die nächste Hürde bei 3.137 Punkten, gefolgt von weiteren bei rund 3.200 und 3.262. Im Falle einer Korrektur bietet der kurzfristige Aufwärtstrend bei 2.998 Punkten Halt. Darunter wartet eine Unterstützungszone zwischen 2.950 und 2.930 Punkten.













ifo im Fokus
Der Wochenausblick für die KW 12 - Konjunkturstimmungstest in Deutschland
In Japan setzen ein schwacher Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe und zunehmender Deflationsdruck die Bank of Japan unter Zugzwang, auf der nächsten geldpolitischen Sitzung weitere Liquiditätsmaßnahmen zur Finanzierung von Konjunkturprogrammen zu ergreifen.

In den USA zeichnen im Februar rückläufige Auftragseingänge langlebiger Güter und Neubauverkäufe, die ihren volatilen Seitwärtstrend fortsetzen, ein wenig dynamisches Bild der US-Wirtschaft.

In der Eurozone unterstreichen die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe die lethargische Wirtschaftsentwicklung. Der Fokus der Anleger liegt auf den ZEW Konjunkturerwartungen und den ifo Geschäftsdaten.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank
HALVERS WOCHE
Haben die Landtagswahlen vom 13. März 2016 wirtschafts- und finanzpolitische Auswirkungen?
Die Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben die im europäischen Vergleich so stabile parteipolitische Landschaft Deutschlands ordentlich in Bewegung gebracht. Die AfD hat auch in westdeutschen Parlamenten mit zweistelligen Ergebnissen Einzug gehalten. Mittlerweile ist die AfD in der Hälfte der 16 Länder- und Stadtparlamente vertreten. Das damalige Schreckgespenst von Franz-Josef Strauß, das sich „rechts“ von der Union eine Partei etablieren könnte, geistert umher.


Ist alles so schön bunt hier!
Politisch ist in Deutschland Multi-Partei-Kulti angesagt
Und es gibt weitere Polit-Revolutionen. Wer hätte jemals gedacht, dass die Grünen im Industrie-Ländle stärkste politische Kraft werden und eine neue Große Koalition mit der Union anführen, die Kiwi-Regierung. Die früher immer mögliche Große Koalition aus Union und SPD geht aktuell nicht mehr überall. Heutzutage gehören Dreier-Koalitionen mit bunter Farbzusammensetzung zur neuen Polit-Realität: Kenia- bzw. Guinea-Bündnisse.








Der DAX ist politisch uninteressiert
Der DAX lässt sich nicht aus der Ruhe bringen
Wegen des Erstarkens der AfD und vermeintlich schwieriger werdenden Regierungsverhältnissen hört man nun aus den etablierten Parteien und aus der Wirtschaft Begriffe wie politischer Kulturschock, instabile politische Rahmenbedingungen, Imageschäden für den deutschen Industriestandort oder Investitionsbremse.

Nun, Deutschland ist mit den Wahlergebnissen vom 13. März in einer Realität angekommen, die in anderen Ländern der EU längst üblich ist. Dort ist von links bis rechts und dazwischen alles vertreten. In vielen dieser Länder sind selbst Vierer-Koalitionen keine Seltenheit. Ohnehin, in den Parlamenten von Mainz, Magdeburg und Stuttgart stehen mit Frau Dreyer, Herrn Haseloff und Herrn Kretschmann - der Realo-Häuptling der Grünen - gestandene Persönlichkeiten als Regierungschefs zur Verfügung. Mit dieser Landesmutter bzw. diesen Landesvätern sind klare politische Verhältnisse durchaus zu erwarten und ist die Demokratie überhaupt nicht in Gefahr. Dreier-Koalitionen könnten sogar für frischen Wind sorgen: Weniger Lust auf parteipolitische Ideologie, mehr Zwang zum lösungsorientierten Pragmatismus. Dagegen wird die Wirtschaft wohl kaum etwas einzuwenden haben. Auch dürfte es für den einen oder anderen Wirtschaftsmanager doch durchaus attraktiv sein, dass die wirtschaftsfreundliche FDP zumindest in Rheinland-Pfalz wieder mitregieren könnte. Selbst den DAX als grundsätzlich feinfühliges Barometer für politische Entwicklungen lässt dieser Wahlsonntag ziemlich kalt. Er interessiert sich viel mehr für die Geldpolitik der EZB.






















Nicht die gleichen Fehler wie früher machen
Politische Ausgrenzung führt nicht zum Erfolg
Grundsätzlich muss unsere Parteiendemokratie jedes Wählervotum akzeptieren, auch wenn es für die Alt-Parteien nur schwer auszuhalten ist. Politisch wenig Sinn macht es, wenn die etablierten Parteien jetzt die neue Konkurrenz mit reiner Abwehrhaltung bekämpfen wie man dies früher mit den Grünen und der PDS bzw. nach Namensänderung der Partei Die Linke praktizierte. Im Bundestagswahlkampf 1987 hatte der damalige Kanzlerkandidat der SPD, Johannes Rau, markant formuliert, niemals mit den Grünen koalieren zu wollen. Auf den Zusammenhang, den ein früherer hessischer Ministerpräsident zwischen Grünen und Dachlatten hergestellt hat, will ich an dieser Stelle nicht im Detail eingehen. Wie auch immer, die SPD hat den Grünen damit eine große öffentliche Wahrnehmung beschert. Heute ist sie längst eine Alt-Partei.

1990 hat die Union eine „Rote Socken-Kampagne“ gegen die damalige PDS gestartet und haben führende Sozialdemokraten ab 2007 von der “sogenannten Linken“ gesprochen. Beide Volksparteien haben insofern der PDS bzw. der Partei Die Linke eine öffentliche Bühne geboten und damit unfreiwillig den Steigbügel gehalten, um eine etablierte Partei zu werden.

Laut Umfragen haben ca. zwei Drittel der AfD-Wähler angegeben, diese Partei aus Protest gewählt zu haben. Jetzt seitens des Parteien-Establishments zu glauben, die Landtagswahlen seien nur ein Betriebsunfall gewesen und man müsse nur kräftig genug gegen die AfD austeilen und dann kämen schon die verloren gegangenen Wähler in ihre wirkliche politische Heimat zurück, wäre also gemäß historischer Erfahrung sehr naiv gedacht.

































Hühner, die nicht mehr verunsichert sind, legen auch wieder Eier
Das Lösungs-Vakuum muss gefüllt werden
Die Alt-Parteien sollten diesen Wählerprotest als sehr ernsten Weckruf begreifen. Sie müssen sich mit den Sorgen der Wählerinnen und Wähler auseinandersetzen und Probleme nicht nur u.a. in Talk Shows langatmig immer wieder nur beschreiben, sondern politisch endlich lösen. Das Vertrauen in die politische Lösungsfähigkeit wird übrigens nicht gestärkt, wenn GroKoPos - Politiker der amtierenden Bundesregierung - alltäglich öffentliche Streitereien und Hahnenkämpfe zelebrieren. Also, wenn ich Interesse an Kämpfen habe, schaue ich mir lieber einen Boxkampf mit Klitschko an.

Die Wähler erwarten, dass eine Große Koalition ganz große Bretter bohrt, zumal dann, wenn dieses Regierungsbündnis machtvoll über ca. 80 Prozent der Sitze im Bundestag verfügt. Die könnten ganze Wälder bearbeiten. Aber für Laubsägearbeiten brauchen wir die GroKo nicht. Da muss sich niemand über das Wahlverhalten in den drei Bundesländern am 13. März 2016 wundern.

Die Bundesregierung muss Lösungen an zwei Fronten bieten. Erstens geht es um den Problembereich Flüchtlingskrise und damit verbunden die derzeitigen Zersetzungserscheinungen in der EU, die Eurosklerose. Ist es denn so schwer, wenn der ein oder auch die andere ab und zu über den eigenen Schatten springt und auf die anderen EU-Schwestern und Brüder zugeht? Mit dem Beharren auf Maximalforderungen ist politisch noch nie Harmonie und Einvernehmlichkeit erreicht worden. Genau diese ist aber dringend erforderlich, um der EU-Großfamilie wieder Gemeinschaftsgefühl zu geben. Erst dann lässt sich mit dieser wirklichen Koalition der Willigen ernsthaft über z.B. den Schutz der EU-Außengrenzen reden. Und genau das muss die EU familienintern schaffen, um zu zeigen, dass man nicht nur wirtschaftlich stark, sondern auch politisch handlungsfähig ist. Diese Aufgabe darf man niemals aus der Hand geben. Europa darf sich nicht ans Händchen nehmen lassen wie ein willfähriges Kleinkind. Sich abhängig machen von einem Dritten geht gar nicht!

Bekommt man das hin, hat man die Abwehrkräfte der Gesamt-EU ähnlich gestärkt wie Vitamin C das menschliche Immunsystem. Wenn die EU keinen anbiedernden, sondern einen handlungsfähigen Eindruck macht, ist das übrigens auch eine Nummer gegen Großbritanniens EU-Kummer. Wer will sich schon auf die einsame Insel zurückziehen, wenn der starke EU-Familienbund einen auffängt? Nicht zuletzt, ist die EU politisch wieder stark, ist sie auch ein starker Investitionsstandort. Hier gilt die alte Weisheit vom Bauernhof: Hühner, die nicht mehr verunsichert sind, legen auch wieder Eier.












































Es muss wieder Politik gemacht werden
Für die GroKo muss gelten: Vom Konjunktiv zum Indikativ
Zweitens muss die GroKo die Füße von der deutschen Investitionsbremse nehmen. Die Bundesregierung hat ähnlich wie ein Bagger die Aufgabe, wirtschaftspolitische Handicaps aus dem Weg zu räumen. Wieso hat es eine kleine Koalition hinbekommen, jahrzehntelangen Reformstillstand in Deutschland durch die große „Agenda 2010“ zu beseitigen und warum gelingt aktuell der GroKo noch nicht einmal ein kleines Agenda-chen? Die GroKo ist bislang in Reformfragen so beweglich wie ein störrischer Esel.

Und wann begreift man in Berlin, dass die schwarze Null im Bundeshaushalt kein Selbstzweck ist? Warum nimmt man nicht die geldpolitischen Segnungen an und macht neue Schulden, die nicht nur keine Zinskosten, sondern Zinsgewinne bescheren und auch noch von der EZB aufgekauft werden? Wieso baut man mit diesen staatlichen Investitionen nicht bundesweit eine hochmoderne Infrastruktur auf, die weltweit Spitze ist? Der Bund muss wie in den 50er- und 60er-Jahren im wahrsten Sinne des Wortes zum Brückenbauer werden. Dann investiert auch die Privatwirtschaft wieder in dieses standortverbesserte Deutschland. Und dann kommt es zum volkswirtschaftlichen Lustgewinn: Arbeitsplätze, Konsum, Steuereinnahmen.

Dabei sollte man unbedingt die großen Kapitalsammelstellen als Investitionspartner gewinnen. Dann kämen Versicherungen endlich aus der Diaspora ihres niedrigzinsbedingten Anlagenotstands heraus und auch endlich wieder in den Genuss von renditeattraktiven und substanzstarken Investmentobjekten. Die Kunden würden ihnen die Bude einrennen.

Mit dem Schaffen von Lösungen in beiden Problembereichen würde in Deutschland aus allgemeiner Verunsicherung allgemeine Zuversicht. Dem deutschen Phänomen, das im angelsächsischen Sprachgebrauch als „german angst“ Einzug gehalten hat, würde kräftig entgegengewirkt. Seit Kriegsende haben es Bundesregierungen immer wieder verstanden, den Deutschen ihre Ängste in puncto Zukunft, Wohlstandsverlust, etc. zu nehmen. Das muss die Bundesregierung, konkret Frau Merkel und Herr Gabriel, auch wieder schaffen. Sie müssen zu Bundesmutter bzw. Bundesvater werden.

Grundsätzlich haben es die etablierten Parteien in der Hand: Nur wenn sie ihre Hausaufgaben ordentlich machen, brauchen sie sich vor den Wählerinnen und Wählern nicht zu fürchten. Dann ist auch jede Angst vor schwierigen politischen Verhältnissen und damit unsicheren Bedingungen für Wirtschaft und Finanzmärkte ungerechtfertigt.

Worauf wartet Ihr in Berlin eigentlich noch. Hört auf die Realitäten zu ignorieren und packt endlich an!


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Herausgeber:
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Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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