4. März 2016
ROBERT HALVER IN DEN MEDIEN
Am 5. März 2016 findet der Börsentag München im Munich Order Center (MOC) statt. Ich lade Sie herzlich dazu ein, an verschiedenen Vorträgen und Expertenrunden mit mir teilzunehmen. Alle Infos, wie Programm und Anfahrt finden Sie hier.

Der wöchentliche Kapitalmarkt-Ausblick von Robert Halver - jetzt als Video-Kolumne auf maxblue.de.
DER MARKT UNTER DER LUPE
Japanische Notenbank: L’état, c’est moi
GRAFIK DER WOCHE
Auch China hat geldpolitisch verstanden
Noch einmal wird Draghi nicht enttäuschen (können)
Gold glänzt wieder, zumindest vorläufig
Aktuelle Marktlage und Anlegerstimmung - Nie waren Dividenden als Ersatzbefriedigung für Zinsen so wertvoll wie heute
Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50 - Der Ausbruch gelingt
Der Wochenausblick für die KW 10 - Alle Augen auf den EU-Gipfel und die EZB-Sitzung
HALVERS WOCHE
VOLKSWIRTSCHAFTLICHE PROGNOSEN AUF EINEN BLICK
KAPITALMARKT AUF EINEN BLICK
WEITERE NEWSLETTER DER BAADER BANK
DER MARKT UNTER DER LUPE
Die EZB geht von Schall- auf Lichtgeschwindigkeit - Aber welche Bedeutung hat Geldpolitik heute überhaupt noch
Das Verarbeitende Gewerbe in den USA befindet sich trotz der zu beobachtenden Stabilisierung des ISM Index weiterhin in Rezessionsterrain. Eingetrübt hat sich im Trend aber auch die Stimmung im bis Mitte 2015 stabilen Dienstleistungssektor. Eine entscheidende Stützte der US-Konjunktur droht an Wirkung einzubüßen.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank
Grafik: ISM Index für das Verarbeitende Gewerbe und Dienstleistungssektor

Der Vermögenseffekt als konjunkturelle Waffe der Fed
Entsprechend vorsichtig äußern sich vereinzelte Mitglieder der Fed und sprechen bereits von einem „leicht veränderten“ Zinspfad sowie einem angepassten Timing weiterer Zinserhöhungen. Im Übrigen häufen sich die Gerüchte, dass auch ein weiteres Anleiheaufkaufprogramm in den USA - es wäre das vierte - gestartet werden könnte. Die Tür zu einer Aussetzung weiterer Leitzinsrestriktionen ist in jedem Fall aufgestoßen. Die Fed ist sich zwar darüber im Klaren, dass eine geldpolitische Entspannungspolitik keine unmittelbare Wirkung auf die Konjunktur hat. Doch sie vertraut darauf, dass sich via Geldpolitik der Aktienmarkt stabilisiert, der wiederum über einen positiven Vermögenseffekt der Amerikaner - die sich reicher fühlen - zu einer verstärkten Konsumneigung führt. Allerdings hat dieser früher markante Zusammenhang in den letzten Jahren an Relevanz eingebüßt.
Grafik: US-Aktienmarkt und Verbrauchervertrauen




Japanische Notenbank: L’état, c’est moi
Die Ängste vor einem hard landing Chinas sorgen für eine Kapitalflucht in den als sicher empfundenen japanischen Yen, der insofern dramatisch aufwertet. Yen-stärkend kommt hinzu, dass der klassische japanische Carry Trade - also zinsgünstige Geldaufnahme in Yen und -anlage in höherverzinslichen Währungen - vor dem Hintergrund eines weltweit insgesamt niedrigen Zinsniveaus kräftig nachgelassen hat. Es fehlt der Hebel von internationalen Zinsdifferenzen. Die den Yen grundsätzlich schwächende Liquiditätsmaschine Japan hat sich in das Gegenteil verkehrt und schwächt als Folgeschaden die Exportwirtschaft Japans.
Grafik: Carry Trades – Geldaufnahme in japanischen Yen und –anlage in Euro, US-Dollar, südkoreanischen Won und britischen Pfund

Japans Notenbank finanziert die Neuverschuldung komplett

Die fatale Exportsituation trifft zusätzlich auf eine unter Überalterung und einem schrumpfenden Mittelstand leidende Binnenwirtschaft, die es der japanischen Volkswirtschaft insgesamt nicht ermöglicht, der Deflationsfalle zu entkommen. Der Not gehorchend hat sich Japan zu einer verstärkten Zusammenarbeit von Geld- und Fiskalpolitik entschieden. Staatliche Konjunkturprogramme, die auch der Infrastruktur Japans zugutekommen und damit auch nachhaltige privatwirtschaftliche Wachstumseffekte erzielen, werden de facto komplett von Anleiheaufkäufen der japanischen Notenbanken finanziert. Die japanische Geldpolitik bleibt bedeutend.
GRAFIK DER WOCHE
Jährliche japanische Neuverschuldung und Netto-Liquiditätszuführung der Bank of Japan
Grafik: Jährliche japanische Neuverschuldung und Netto-Liquiditätszuführung der Bank of Japan







Auch China hat geldpolitisch verstanden
Offensichtlich hat China die Pause des Neujahrsfests zum Nachdenken genutzt und verstanden, dass man an künstlicher Befruchtung von Konjunktur und Finanzmärkten der westlichen Machart nicht mehr vorbeikommt. Tatsächlich setzt die People’s Bank of China auf den Doppelschlag aus qualitativer und quantitativer Geldpolitik. Über die Verringerung des Mindestreservesatzes für Banken auf 17 von 17,5 Prozent - tiefster Stand seit Mitte 2010 - betreibt sie eine Politik der fortgesetzten Kreditverbilligung. Das Thema Bekämpfung von Kreditblasen ist eindeutig in den Hintergrund getreten. Daneben hat die chinesische Notenbank zuletzt auch die Liquiditätsausstattung der Finanzmärkte verbessert.
Grafik: People’s Bank of China: Mindestreservesatz und Bilanzsumme


Ohnehin hat sie hier gegenüber westlichen Notenbanken noch ein deutliches Nachholpotenzial.
Grafik: Liquiditätsausstattung der großen Notenbanken





China macht geldpolitisch Ernst



Die Liquiditätsausweitung soll nicht zuletzt den Aktienmarkt stabilisieren, der aufgrund des Mangels aussagekräftiger Konjunkturdaten zum Dreh- und Angelpunkt für die Einschätzung der konjunkturellen Lage „missbraucht“ wird.

Erste Erfolge sind bereits sichtbar: Der Shanghai Composite Aktienindex zeigt sich stabiler und nähert sich sogar wieder der psychologisch wichtigen Marke von 3.000 Punkten an. Die zuletzt festzustellende Stimmungsfestigung am Aktienmarkt dürfte bei zu erwartender Fortsetzung auch positiven Niederschlag bei den Einkaufsmanagerindices im Verarbeitenden und Dienstleistungsgewerbe finden.
Grafik: Chinesischer Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende und Dienstleistungsgewerbe sowie chinesischer Aktienmarkt



























Die Finanzpolitik sollte das Angebot der Geldpolitik annehmen
Noch einmal wird Draghi nicht enttäuschen (können)
Im Vorfeld der nächsten Sitzung der EZB am 10. März hat Mario Draghi den Boden für weitere Lockerungen der Zinspolitik und bei Anleiheaufkäufen vorbereitet. Dies hat er auch vor der Sitzung im Dezember 2015 getan und dann die Anleger mit einer nahezu unveränderten Geldpolitik enttäuscht. Massive Schwankungen an den Finanz- und Währungsmärkten, die sich auch in realwirtschaftlicher Skepsis entluden, waren die Folge. Diese Erwartungsenttäuschung wird er nicht noch einmal riskieren können. Er wird liefern müssen, weil er sich selbst in massiven Zugzwang gebracht hat. Zu sehr hat er zuletzt immer wieder auf Deflations- und Konjunkturrisiken hingewiesen.

Zu erwarten ist, dass er einerseits den Einlagenzins für Banken von minus 0,3 auf minus 0,4, wenn nicht sogar minus 0,5 Prozent senkt und gleichzeitig die monatlichen Anleiheaufkäufe um bis zu 20 Mrd. Euro monatlich ausweitet.

Dem erneut sinkenden Einlagenzins kommt eine besondere Bedeutung zu. Der EZB geht es nicht primär darum, dass die Banken in Abwendung höherer Strafzinsen mehr Kredite an Unternehmen oder Haushalte vergeben. Die Notenbanker wissen, dass in der augenblicklich verunsicherten konjunkturellen Situation und angesichts der Eigenkapitalschonung der Banken keine Dynamik in puncto Kreditausleihungen zu erwarten ist.

Ihre primäre Absicht ist eine andere: Da die EZB nur bis zu dieser Renditeuntergrenze des Einlagenzinses Staatsanleihen erwerben darf, erhöht sich bei Senkung ihr Aufkaufvolumen und verbessern sich damit die Kreditbedingungen der Staatshaushalte im Euroraum. Bereits jetzt sind diese in Deutschland bis zur Anleihelaufzeit von 8 Jahren nicht mit Zinskosten, sondern mit Zinsgewinnen verbunden. Und da die EZB noch mehr auch deutsche Staatspapiere aufkaufen wird, gibt es neben dem Ausbleiben eines Finanzierungsproblems zukünftig auch kein Absatzproblem.

Grafik: Deutsche Anleiherenditen nach Laufzeit per 4. März 2016
Die EZB will, dass die Staatswirtschaft als Ersatzbefriedigung der Privatwirtschaft fungiert. Marktwirtschaftler wird diese Absicht nicht erfreuen und das ist mehr als verständlich. Doch immerhin wären diese staatlichen Finanzmittel gut investiert, wenn sie zur Verbesserung der Infrastruktur verwendet würden. Die Sanierung von Brücken und Straßen, die konsequente Fortsetzung der Energiewende, der digitale Netzausbau und massive Bildungsinvestitionen würden den Industriestandort Deutschland aufwerten. Dann würden auch wieder Unternehmen zu Investitionen in Deutschland angereizt. Insgesamt würde die üppige Geldpolitik der EZB eine sinnvolle Verwendung finden, wenn auch andere Euro-Länder dem Beispiel Deutschlands folgen würden.



Gold glänzt wieder, zumindest vorläufig
Null- ja sogar Negativzinsen, Risikoaversion, der Verlust von Zinsvermögen als renditeattraktive Anlageklasse und geopolitische Konflikte sind der argumentative Hintergrund für die aktuelle Renaissance von Edelmetallen als sicherem Anlagehafen. Tatsächlich zeigt der seit Anfang 2013 festzustellende Abbau physisch gehaltener Goldbestände börsengehandelter Fonds seit Anfang 2016 eine markante Trendwende. Allein der Februar verzeichnete die höchsten ETF-Zuflüsse seit sieben Jahren. Gold befindet sich - wenn auch nur knapp - im Bullenmarkt.
Grafik: Weltweite physische Goldbestände, gehalten von börsengehandelten Fonds und Goldpreis







Aus Stabilitätssicht bleibt Gold in



Allerdings dürfte der Rückenwind für Gold nachlassen, sobald sich die Wogen an den Finanzmärkten glätten. Und eins darf nie vergessen werden: Die geldrettungsorientierten Zentralbanken haben kein Interesse an einer starken Konkurrenzwährung. Sie drücken den Preis indirekt über die derivaten Finanzmärkte.

Dennoch bleibt Gold in einer Finanzwelt, die Stabilität schon lange nicht mehr im Sortiment führt, ein langfristig wichtiger Bestandteil im Anlageklassenmix. Es geht um langfristigen Vermögenserhalt, nicht um kurzfristige Renditeerwirtschaftung. Angesichts einer aus den Grundfesten gehobenen Finanzwelt werden die Anleger noch dankbar sein, dieses sachkapitalistischste aller Güter zu besitzen. Und ist es falsch, Gold zu besitzen, wenn es Notenbanken in Zeiten von Verunsicherungen an den Finanzmärkten auch tun? Seit 2009 hat sich der langjährige Abbau von Goldbeständen deutlich in das Gegenteil verkehrt.
Grafik: Goldhaltung der Notenbanken seit 1958





















Der Dividendendividendeneffekt ersetzt den Zinseszinseffekt
Aktuelle Marktlage und Anlegerstimmung - Nie waren Dividenden als Ersatzbefriedigung für Zinsen so wertvoll wie heute
Insgesamt können die Notenbanken ihr geldpolitisches Pflaster nicht von den finanz- und weltkonjunkturellen Wunden entfernen. Die Blutungen würden sofort wieder starten. Immerhin ist damit eine verbesserte Stimmung an den Aktienmärkten verbunden. Sie haben ihren Boden gefunden. Das gilt auch vor dem Hintergrund, dass der Ölpreis sich stabilisiert hat. Allerdings bleibt der Brexit ein latentes Aktienmarktrisiko, das bis zum Abstimmungstag am 23. Juni 2016 - je nach Umfrageergebnis - für ansteigende Volatilitäten sorgen wird.

Die Leidtragenden dieser Rettungsmission werden die Zinssparer sein. Daher wird auch im laufenden Jahr der Weltspartag zum Volkstrauertag degenerieren.

Angesicht des kollektiven Zinsverfalls werden Dividendentitel als sinnvolle Alternative unverzichtbar. Das gilt insbesondere ebenso mit Blick auf den Wiederanlageeffekt: Der Dividendendividendeneffekt ersetzt den Zinseszinseffekt.

Aktuell wartet der DAX mit ca. 3,4, der Euro Stoxx 50 mit 4,1 und einige Branchen sowie ein reiner Euro-Dividendenindex mit bis zu 5 Prozent Dividendenrendite auf.
Grafik: Dividendenrenditen in Deutschland und der Eurozone sowie Renditen 5-jährige Anleihen und Festgeld

So viel Dividende wie noch nie

In diesem Jahr wird die höchste Dividendensumme der im DAX vertretenen Konzerne aller Zeiten ausgeschüttet, obwohl RWE seine Ausschüttungen auf Stammaktien gestrichen hat. Erfreulicherweise werden die Dividenden insgesamt nicht aus der Unternehmenssubstanz, sondern aus erwirtschafteten Gewinnen gezahlt. Nicht zuletzt sind dividendenstarke Aktien ebenso ein ordentliches Risikopolster gegen Kursschwankungen.
Grafik: Dividendenausschüttung aller Aktien von im DAX vertretenen Unternehmen und Dividendenrendite deren Dividendenrenditen



Charttechnik DAX und Euro Stoxx 50 - Der Ausbruch gelingt
Charttechnisch stößt der DAX auf dem Weg nach oben bei 9.905 Punkten auf einen ersten Widerstand. Darüber liegen weitere Hürden bei 10.123 und 10.486. Im Falle einer erneuten Konsolidierung bietet die Marke am kurzfristigen Aufwärtstrend bei aktuell 9.606 Punkten ersten Halt. Darunter liegen weitere Unterstützungen bei 9.581, 9.391, 9.125 und in der Kurslücke zwischen 9.079 und 8.967 Punkten. Schließlich gibt der langfristige Aufwärtstrend bei 8.729 Halt.

Der Euro Stoxx 50 stößt auf der Oberseite bei 3.050 und 3.137 Punkten auf Widerstand. Auf der Unterseite liegt die erste Unterstützung bei 2.950 Punkten. Darunter gibt der zuletzt überwundene kurzfristige Abwärtstrend bei 2.842 Punkten Halt. Wird diese Linie signifikant unterschritten, warten bei 2.800 und 2.756 Punkten weitere Unterstützungen.




Der Wochenausblick für die KW 10 - Alle Augen auf den EU-Gipfel und die EZB-Sitzung
In China fallen die Im- und Exportzahlen für Februar erneut schwach aus. Doch sollten diese aufgrund typischer Verzerrungen wegen des chinesischen Neujahrsfests nicht überinterpretiert werden. Der klare Fokus der Anleger liegt auf dem Parteikongress der KP, auf dem dringend nötige weitere Maßnahmen zur Konjunkturstabilisierung beschlossen werden müssen.

In den USA stehen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe im Mittelpunkt.

In der Eurozone signalisieren die Sentix Konjunkturerwartungen für die nächsten 6 Monate die anhaltende Konjunkturskepsis großer Finanzinvestoren. Die EZB wird auf ihrer Sitzung gesenkte Wachstums- und Inflationsprognosen präsentieren und darauf mit einer erneuten Senkung ihres Einlagenzinses sowie der Erhöhung des Aufkaufvolumens von Anleihen reagieren.

In Deutschland unterstreichen Februar-Zahlen zu den Auftragseingängen in der Industrie, der Industrieproduktion sowie dem Export das schwere Fahrwasser für die deutsche Wirtschaft.

Ein ganz besonderes Augenmerkt gilt dem EU-Türkei-Gipfel in Brüssel. Aus aktueller Perspektive spricht wenig für eine einvernehmliche Lösung in der Flüchtlingsfrage. Die massiven politischen Diskrepanzen innerhalb der EU dürften anschließend anhalten und in Form von Eurosklerose und Brexit-Befürchtungen für latente Störmanöver an den Aktienmärkten sorgen.


Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank
HALVERS WOCHE
In Zeiten wie diesen müssen Geld- und Fiskalpolitik zusammenhalten wie Old Shatterhand und Winnetou
In politischen Sonntagsreden wird die internationale Geldpolitik immer wieder gerne kritisiert. Bei den höchsten deutschen und europäischen Gerichten wird sogar gegen die renditedrückenden Anleiheaufkäufe der EZB geklagt. Dabei weiß doch jeder Politiker in Berlin hinter vorgehaltener Hand sehr genau, dass Deutschland niemals in den Genuss von Überschüssen im Staatshaushalt gekommen wäre, wenn die Renditen für deutsche Staatspapiere nicht minimal niedrig und mehrheitlich sogar negativ wären. Während 2000 auf die Bundesschulden von 716 Mrd. Euro noch fast 40 Mrd. Euro Zinsen fällig waren, haben sich 2015 die Zinszahlungen auf die aktuelle Bundesschuld von 1.069 Mrd. Euro fast halbiert.
Grafik: Entwicklung der deutschen Bundesschulden und Zinsausgaben




















Die Hand, die gibt, ist die erste, die gebissen wird
Diese finanzpolitischen Segnungen sind wohl kaum auf dem fruchtbaren Mist der deutschen Wirtschaftspolitik gewachsen. Denn diese zeigt sich seit Jahren völlig reformbefreit.

Durch das Eingreifen der EZB hat sich der deutsche Finanzminister dreistellige Milliardenbeträge an Zinszahlungen gespart. Um es klar zu sagen: Die EZB hat den deutschen Staatshaushalt saniert.

Übrigens, hätte die EZB die Euro-Staatsschuldenkrise nicht eingedämmt, hätten wir heute längst Euro-Bonds, also haftungsgemeinschaftliche Euro-Anleihen, bei denen ähnlich wie bei den drei Musketieren gilt: „Einer für alle Alle“, also Deutschland für die Eurozone. Und dann müsste der Bundesfinanzminister nicht nur normal hohe deutsche Schuldzinsen zahlen. Allein damit wäre die „Schwarze Null“ so unmöglich wie für mich die 100 Meter unter 10 Sekunden zu laufen. Dann käme auch noch ein Risikoaufschlag hinzu, da Deutschland für die im Vergleich deutlich schlechtere Bonität der anderen Euro-Länder mithaften müsste.

Wer sich gerne am freien Mittagstisch der EZB labt, sollte sich nicht über deren Chefkoch Mario Draghi beschweren. Wie heißt es im deutschen Sprichwort: „Die Hand, die gibt, ist die erste, die gebissen wird.“

Sicherlich muss die Politik Mario Draghis Abbild nicht als Heiligenbild verehren, aber als Wurfscheibe ist er auch nicht geeignet. Nicht zuletzt hat er neben der Staatsanleihe- auch die Bankenkrise in den Griff bekommen. Alternativ hätten die Euro-Finanzminister die Banken erneut mit zig-Milliarden stützen müssen. Das hätten erstens die Wähler nicht honoriert und zweitens wären dann Überschüsse im Bundeshaushalt so unwahrscheinlich wie ein Sechser mit Zusatzzahl im Samstagslotto.





























Beim Wachküssen des Konjunktur-Dornröschens hat der geldpolitische Prinz seine liebe Not
Finanzwirtschaftlich ist die Geldpolitik ein starker Hengst, realwirtschaftlich eher ein schüchterner Wallach
Natürlich kann niemand über die aktuelle Notenbankpolitik glücklich sein. Wir müssen alle den Verlust der Deutschen Bundesbank als Benchmark für ordentliche Geldpolitik verkraften. Dies gilt umso mehr, als dass sie realwirtschaftlich einen erbarmungswürdigen Job macht. Seit Beginn des Anleiheaufkaufprogramms der EZB sind 670 Mrd. Euro in die Finanzmärkte der Eurozone geflossen und dennoch haben wir es im Euroraum mit einer Deflation zu tun und liegen die langfristigen Inflationserwartungen auf einem Allzeittief. Es ist absurd: Je mehr Liquidität, desto weniger Inflation. Und haben Sie den Eindruck, dass die Eurozone nennenswert wächst? Amerika ist kein Wachstumstempel mehr. Ebenso ist die Investitionsschwäche in den Schwellenländern unverkennbar. Damit spürt auch die deutsche Wirtschaft die Knute der weltweiten Wachstumsverlangsamung.

Die Geldpolitik kann sich jetzt stur und bockig wie ein Esel zeigen und weiter versuchen, mit noch mehr Liquidität und noch negativeren Leitzinsen bzw. Renditen das Konjunkturwunder zu bewirken. Doch es wird nicht funktionieren. Die Kreditinstitute, denen es regulierungsbedingt an Eigenkapital und damit Kreditlust mangelt, treffen zusätzlich auf Wirtschaftssubjekte, die sich angesichts der prallen Üppigkeit an Verunsicherungen verängstigt und schüchtern in Angstsparen und Investitionszurückhaltung üben. Die Weltwirtschaft verdurstet in den liquidesten Finanzmarktausstattungen aller Zeiten. Hätte Wirtschaftstheoretiker Keynes praktische Beweise für Investitions- bzw. Liquiditätsfallen gesucht, heute würde er mustergültige Fälle vorfinden.

Die Notenbanken müssen endlich begreifen, dass die Konjunkturwelt kein geldpolitisches Angebots-, sondern ein sehr ernstes Nachfrageproblem hat. Es ist einfach, mit dem geldpolitischen Fleischklopfer Finanzkrisen platt wie Steaks zu hauen. Doch beim Wachküssen des Konjunktur-Dornröschens scheint der geldpolitische Prinz trotz unzähliger Versuche seine liebe Not zu haben.














Für den Bundesfinanzminister gibt es weder ein Finanzierungs- noch ein Absatzproblem














Die schwarze Null darf kein Fetisch sein
Wenn die Pferde, die zur geldpolitisch Tränke geführt werden, sich weigern zu saufen, muss die Fiskalpolitik nachhelfen
Dieses realwirtschaftliche Versagen der Geldpolitik muss jetzt auch die Finanzpolitik akzeptieren. Auf „Wir schaffen das geldpolitisch“ zu warten, ist genauso erfolglos wie auf einen Mückenstich freien Sommer zu hoffen. Der Geldpolitik als die Angebotsseite stimulierende Größe fehlt das Gegenstück, die Nachfrageseite. Wenn Konsum und Unternehmensinvestitionen zu schwach sind, bleibt nur noch die Nachfrage durch den Staat. Und für ihn bieten sich durch die Geldpolitik aktuell geradezu Schlaraffenland ähnliche Zustände.

Bis zur Anleihelaufzeit von fast neun Jahren ist die staatliche Kreditaufnahme nicht mit Zinskosten, sondern mit Zinsgewinnen verbunden. Deutschland verdient mit der Aufnahme neuer Kredite Geld! Zusätzlich kauft die EZB deutsche Staatspapiere monatlich massiv auf. Es gibt also weder ein Finanzierungs- noch ein Absatzproblem. Wohl dem der Finanzminister ist.

Um bloß nicht falsch verstanden zu werden: Bei dieser staatlichen Nachfrage darf es nicht um wahlpopulistischen Konsum, sondern muss es eindeutig um Investitionen in die deutsche Infrastruktur gehen. Zwischen Flensburg und Passau bzw. Aachen und Cottbus muss die Standortqualität wieder auf global wettbewerbsfähiges Niveau gebracht werden. Konkret geht es um die Sanierung von Brücken und Straßen, die konsequente Fortsetzung der Energiewende, den Netzausbau, die Digitalisierung und natürlich Bildung, Bildung, Bildung. Im Grunde genommen müssen wir nur das wiederholen, was wir schon in den 50er- und 60er-Jahren gemacht haben. Schon damals haben staatliche Basisinvestitionen und damit ein wirtschaftsfreundlicher Nährboden schließlich zu privatwirtschaftlichen Folgeinvestitionen geführt.

Dagegen ist die schwarze Null nur ein Fetisch, der sich vielleicht im Wahlkampf gut verkaufen mag, volkswirtschaftlich jedoch Opportunitäten ungenutzt vorbeiziehen lässt. Die Fiskalpolitik sollte den Steilpass der Geldpolitik dringend aufnehmen.

Wenn sich diese Investitionsidee auch in anderen Euro-Ländern und sogar weltweit verbreitete, würde die notenbankseitige Geldflut nicht schwerpunktmäßig in Anlageblasen an den Finanzmärkten, sondern vor allem sinnvoll in die Realwirtschaft investiert. Das ist gut für Arbeitsplätze, Konsum, Steuereinnahmen, sozialen Frieden und auch für Europa. Und die Aktienmärkte bekämen fundamental endlich Fleisch an den abgenagten Hungerknochen der Liquiditätshausse.

Auf dem letzten G20-Gipfel in Shanghai hätte man in puncto Zusammenarbeit von Geld- und Fiskalpolitik Nägel mit Köpfen machen können. Doch leider blieb es nur bei warmen Worten, bei Verbalerotik. Hoffentlich geht den Verantwortlichen bald ein Lichtlein auf. Eigentlich müssten es ganze Lichterketten sein.

Ansonsten ist für die Weltkonjunktur das ganze Jahr Fastenzeit.


VOLKSWIRTSCHAFTLICHE PROGNOSEN AUF EINEN BLICK

KAPITALMARKT AUF EINEN BLICK




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Herausgeber:
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Redaktion:
Robert Halver,
Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG
Marc Schlömer, Kapitalmarktanalyse, Baader Bank AG

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